[A-DX] Nachruf auf das markanteste Ticken im Äther

Tom Kamp via groups.io
Freitag, 22. Mai 2026, 22:48 Uhr


Das Ende einer Ära:
Warum Kanadas Zeitzeichen-Legende CHU im Juni verstummt

Für viele von uns gehört es zum festen Ritual: Man sitzt nachts im 
Shack, schaltet den Receiver oder SDR ein, dreht über die Bänder und 
landet unweigerlich auf einer der charakteristischen Frequenzen knapp 
außerhalb der Amateurbänder. Das vertraute, rhythmische Ticken, gefolgt 
von einer markanten Stimme, die abwechselnd auf Englisch und Französisch 
die Uhrzeit verkündet. Für Kurzwellenhörer (SWLs) und Funkamateure in 
ganz Europa und Nordamerika war diese Station ein verlässlicher 
Leuchtturm im Äther. Doch damit ist bald Schluss.

Am 22. Juni 2026 wird das National Research Council Canada (NRC) den 
Kurzwellen-Sendebetrieb seiner offiziellen Zeitzeichenstation CHU 
dauerhaft einstellen. Ab diesem Tag bleiben die vertrauten Frequenzen 
3330 kHz, 7850 kHz und 14670 kHz leer. Das NRC verweist für die Zukunft 
nüchtern auf moderne Alternativen: das Network Time Protocol (NTP) für 
Computer, Web-Uhren und den klassischen Telefondienst.

Für die DX-Community im Alter zwischen 25 und 49 Jahren – eine 
Generation, die zwar mit dem Internet aufgewachsen ist, aber die 
Faszination für analoge HF-Technik und die Physik der Ionosphäre teilt – 
geht damit ein Stück lebendige Radiogeschichte verloren. CHU war nicht 
nur ein Zeitanzeiger; der Sender diente uns als unschätzbare Bake, um 
die Bedingungen auf den Bändern 80 m, 40 m und 20 m in Echtzeit zu 
beurteilen.

Die Geburtsstunden: Von Pendeln und Morsezeichen

Die Geschichte von CHU reicht erstaunlich weit zurück – in eine Epoche, 
als das Radio selbst noch in den Kinderschuhen steckte. Alles begann im 
Jahr 1923 unter der Ägide des Dominion Observatory in Ottawa. Die 
allerersten experimentellen Aussendungen liefen unter dem Rufzeichen 9CC 
auf der Langwelle (275 Meter).

Mit dem rasanten Fortschritt der Funktechnik erkannte man schnell das 
enorme Potenzial der Kurzwelle, um die riesigen, oft unzugänglichen 
Weiten Kanadas flächendeckend mit der exakten Uhrzeit zu versorgen – 
eine Notwendigkeit für die Schifffahrt, die Eisenbahn und die Vermessung 
des Landes.

* 1929: Regelmäßige Tagesaussendungen starteten unter dem Rufzeichen 
VE9OB auf einer Wellenlänge von etwa 40,8 Metern.

* 1933: Die Frequenzstabilität machte dank der Einführung von 
Quarzkristall-Steuerungen einen Quantensprung. Zuvor wanderten die 
Frequenzen der Röhrensender mangels präziser Bauteile oft spürbar aus.

* 1938: Das heute weltbekannte Rufzeichen CHU erblickte offiziell das 
Licht der Welt. Der Sender strahlte damals auf 3330 kHz, 7335 kHz und 
14670 kHz aus – allerdings mit einer für heutige Verhältnisse winzigen 
Sendeleistung von gerade einmal 10 Watt. Während der 1000-Hz-Ton bereits 
von Quarzoszillatoren erzeugt wurde, basierten die Sekundenimpulse 
kurioserweise immer noch auf den mechanischen Pendeluhren des 
Observatoriums.

Atomzeitalter und technische Finessen

Im Jahr 1967 hielt die Moderne endgültig Einzug: CHU stellte auf 
Cäsium-Atomuhren um, was die Genauigkeit in astronomische Höhen 
schraubte. Drei Jahre später, 1970, wechselte die Verantwortung von den 
Astronomen des Observatoriums zu den Physikern des National Research 
Council (NRC).Für Funkamateure war CHU technisch immer ein 
faszinierendes Studienobjekt. Im Gegensatz zu vielen anderen 
Zeitzeichensendern nutzte CHU ein ganz besonderes Sendeformat: H3E 
(Zweiseitenband-Amplitudenmodulation mit unterdrücktem Unterseitenband, 
wobei der Träger voll erhalten blieb). Dies erlaubte es DXern, das 
Signal sowohl mit einfachsten AM-Radios als auch im exakten SSB-Modus 
(USB) zu empfangen. So mancher von uns hat beim Testen eines neuen 
Transceivers als Erstes CHU eingestellt, um die SSB-Filter zu überprüfen.

Auch das akustische Design war durchdacht. Wer genau hinhörte, bemerkte, 
dass die Sekundenimpulse zweigeteilt waren. Durch das bewusste Auslassen 
bestimmter Impulse (wie dem 29. und 51. bis 59. Impuls jeder Minute) 
signalisierte das System den Beginn einer neuen Minute.

Ein Highlight für technikbegeisterte Hörer war der charakteristische 
„Warble-Ton“ (ein ratterndes Modemsignal) zwischen der 31. und 39. 
Sekunde jeder Minute. Dieser Code entsprach dem alten Bell-103-Standard 
mit 300 bps. Er ermöglichte es Computern bis weit in die 1990er-Ebene 
hinein, über ein einfaches Telefonmodem am Funkempfänger die Systemzeit 
vollautomatisch und hochpräzise zu synchronisieren.

Die Stimmen im Äther und der Frequenzwechsel

Bis zum 1. April 1990 verkündete CHU die Zeit in der lokalen Eastern 
Standard Time (EST). Erst danach schloss man sich dem internationalen 
Standard an und stellte vollständig auf die koordinierte Weltzeit (UTC) um.

Gleichzeitig wurden die Durchsagen digitalisiert. Seit 1990 hören wir 
dieselben zwei Sprecher im wechselnden 1-Minuten-Takt: Die englische 
Ansage („NRC Coordinated Universal Time...“) stammt von Harry Mannis, 
einem ehemaligen bekannten CBC-Sprecher. Die französische Stimme („Heure 
normale du Conseil national de recherches...“) gehört Simon Durivage von 
Radio Canada. Diese Stimmen haben sich tief in das akustische Gedächtnis 
von Generationen von Kurzwellenhörern eingebrannt.

Manch einer unter uns wird sich vermutlich noch an die letzte große 
technische Umstellung zur Jahreswende 2008/2009 erinnern. Über 
Jahrzehnte hinweg sendete CHU auf 7335 kHz. Da die Internationale 
Fernmeldeunion (ITU) das 40-Meter-Rundfunkband jedoch neu ordnete, wurde 
die Frequenz zunehmend von extrem starken, internationalen Broadcastern 
überlagert. CHU war kaum noch aufzunehmen. Pünktlich zum Neujahrstag 
2009 zog der Sender deshalb auf die heutige Frequenz 7850 kHz um, wo er 
mit satten 10 kW Leistung betrieben wurde (während die beiden anderen 
Frequenzen mit 3 kW arbeiteten).

Ein unersetzbarer Verlust für die Radio-Community

Warum schmerzt das Ende von CHU uns so sehr, obwohl wir die Uhrzeit auf 
jedem Smartphone ablesen können? Für die Amateurfunk- und SWL-Community 
ist ein Zeitzeichensender weitaus mehr als eine Uhr. CHU fungierte als 
globales Werkzeug. Wenn man wissen wollte, ob die „Greylinie“ (die 
Tag-Nacht-Grenze) Richtung Nordamerika offen war, drehte man auf 7850 
oder 14670 kHz. Kam das Signal aus dem Südwesten Ottawas (genauer gesagt 
aus dem Senderstandort nahe der Station in Southwest-Ottawa bei 45° 17' 
47" N, 75° 45' 22" W) mit S9 im Shack an, wusste man: Das Band ist 
offen, die Bedingungen sind exzellent.

Zudem stirbt mit der Abschaltung ein Stück analoger Romantik. Das 
bewusste Heraushören eines Signals aus dem atmosphärischen Rauschen 
(QRM/QRN) und das synchrone Ticken im Hintergrund einer nächtlichen 
Bastelsession lässt sich nicht durch ein steriles NTP-Signal aus dem 
LAN-Kabel ersetzen.

Die letzte Jagd nach der QSL-Karte

Wer noch keinen Empfangsbericht nach Ottawa geschickt hat, sollte die 
verbleibende Zeit bis zum Juni nutzen. Das NRC hat bestätigt, dass 
korrekte Berichte nach wie vor mit der traditionellen CHU-QSL-Karte 
beantwortet werden. Die Karte zeigt historisch passend Sir Sandford 
Fleming, den kanadischen Eisenbahningenieur und „Vater der weltweiten 
Zeitzonen“.

Empfangsberichte können per E-Mail an `radio.chu@...` oder 
ganz klassisch per Post gesendet werden:

Radio Station CHU
1200 Montreal Road, Building M-36
Ottawa, Ontario, K1A 0R6
Canada

Wenn am 22. Juni 2026 die Sender endgültig abgeschaltet werden, verliert 
die Kurzwelle einen ihrer verlässlichsten Akteure. Uns bleibt nichts 
anderes übrig, als ein letztes Mal die Stoppuhr zu drücken, den 
Empfänger einzustellen und den Stimmen von Harry Mannis und Simon 
Durivage zuzuhören, bevor sie für immer im Rauschen des Äthers 
verschwinden. 73 an CHU – danke für ein Jahrhundert Präzision.


Tom DF5JL

QTH  N50.64° E6.92° | JO30LP
R-8E  |  FRG-7  |  Grahn GS5
Aperiodische Vert. @...:9 UnUn

Protected by
ESET | 🔥 Firewalla