Re: [A-DX] Funkamateur.de: Rabiate Rundfunk-Abschaltungen auf MW

Tom Kamp via groups.io
Dienstag, 14. Juli 2026, 19:18 Uhr


Aussterben? Dem möchte ich widersprechen. Aus meiner Sicht erleben wir 
aktuell eine der faszinierendsten Transformationen der 
Rundfunk-Geschichte. Während die Ära der stromfressenden „Mega-Sender“ 
(mit Sendeleistungen im dreistelligen Kilowattbereich!) vor allem in 
Europa unaufhaltsam zu Ende geht, stirbt die MW nicht einfach aus. 
Sondern erfindet sich gerade neu.

Mit Blick nach vorne wage ich eine Prognose: Es wird lokal und 
nostalgisch werden in Europa, jedoch weiterhin strategisch und 
lebenserhaltend auf globaler Ebene.

Warum? In Europa ist die Zukunft der Mittelwelle nicht mehr die der 
großen Massenmedien. Stattdessen entwickelt sie sich zu einem analogen 
Biotop für Enthusiasten. Der Siegeszug von LPAM (Low Power AM) in den 
Niederlanden und Großbritannien zeigt, wohin die Reise geht. Kleinsender 
mit Leistungen von oft nur 1 bis 100 Watt füllen die Lücken, die die 
großen Rundfunkanstalten hinterlassen haben. Diese Sender sind im 
Unterhalt extrem günstig, nutzen moderne, energieeffiziente 
Halbleiter-PAs und sind leicht zu handhaben. LPAM wird von lokalen 
Vereinen, Bürger- und ehem. "Piratensendern" (nun im legalen Gewand) 
sowie Nostalgie-Stationen bespielt. Die Musikfarbe betont Klänge abseits 
des Mainstreams, die perfekt zum "warmen", leicht knisternden AM-Sound 
passen. Ich setze auf den "Schallplatten-Effekt": Ähnlich wie die 
Vinyl-Schallplatte wird die Mittelwelle in Europa einen ästhetischen 
Kultstatus behalten. Das bewusste Suchen und Einstellen von Sendern 
bleibt so ein faszinierendes Hobby für BCDXer und Technik-Begeisterte.

Außerhalb Europas sieht die Welt völlig anders aus. In Ländern mit 
riesigen, dünn besiedelten Flächen oder mangelhafter digitaler 
Infrastruktur bleibt die Mittelwelle ein unverzichtbares Instrument. So 
ist bspw. in den USA AM-Radio tief in der Kultur und im 
Katastrophenschutz verwurzelt. Als Automobilhersteller begannen, 
AM-Empfänger aus Elektroautos zu entfernen (unter dem Vorwand, dass die 
Elektromotoren den Empfang stören würden), regte sich massiver 
politischer Widerstand. Gesetzesinitiativen wie der AM Radio in Every 
Vehicle Act zeigen, dass AM in den USA als unersetzlicher Kanal für 
nationale Notfallwarnungen (Emergency Alert System) gilt. AM wird dort 
auf absehbare Zeit überleben.

Wiederum anders sieht es in Asien und dem globalen Süden (z.B. Indien) 
aus: Indien setzt weiterhin massiv auf die Mittelwelle – allerdings auf 
die digitale MW. Für die ländliche Bevölkerung, die keinen Zugang zu 
mobilem Internet oder DAB+ hat, ist dies die Brücke zur Information.

Fazit: Die Mittelwelle wird in den kommenden Jahren nicht komplett aus 
dem Äther verschwinden, aber sie verliert ihre einheitliche Identität. 
Stattdessen wird sie eher flüsterleise, diverser und ein Spielplatz für 
alle, die das Analoge im Digitalzeitalter vermissen.

73 Tom



Am 14.07.2026 um 17:57 schrieb Guenter Fred Mandel via groups.io:
> On Tue, Jul 14, 2026 at 02:21 PM, Uwe Volk wrote:
>> Aber solange es aber noch etwas auf der Mittelwelle zu hören gibt, und der
>> örtliche Störnebel noch gerade so erträglich ist, solange werde ich die
>> Flinte nicht ins Korn werden.
>>
> 
> Gute Einstellung. Wir sind Zeitzeugen einer Rundfunk-Übertragungstechnologie, die  im Aussterben ist.
> Grüße
> 
> 
> 
> 
> 

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