[A-DX] Bericht zum Besuch von Europe 1 am 17. Oktober 2026
Klaus Fröse via groups.ioFreitag, 23. Oktober 2026, 15:03 Uhr
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Hallo liebe Hobbyfreunde, gerne möchte ich mit euch meine Zeilen zum Besuch von Europe 1 teilen. Zeitreise in die Kathedrale der Wellen: Besuch des ehemaligen Langwellensenders Europe 1 in Überherrn Am 17. Oktober 2026 hatte ich ab 11 Uhr die Gelegenheit, den ehemaligen Langwellensender Europe 1 in Felsberg-Berus (Gemeinde Überherrn) zu besuchen. Solche Besichtigungen sind selten, denn das Gelände ist normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Entsprechend groß war die Vorfreude. Bekannte Gesichter und eine kompetente Führung Wie so oft bei solchen Anlässen traf ich auch diesmal wieder Hobbyfreunde. Darunter war Conny, der Moderator von Radio DARC, den viele kennen. Auch der technische Redakteur Klaus Spielvogel und Christof Proft, Medienreferent des ADDX e.V., waren dabei. Wer im Amateurfunk und im Radiohobby unterwegs ist, weiß, wie schön es ist, sich bei einem solchen Termin wiederzusehen. Die Führung übernahm Eugen Düpre, DK8VR, Distriktvorsitzender Saar und seit vielen Jahren intensiv mit der Geschichte und Entwicklung des Senders befasst. Etwa 30 Teilnehmer folgten ihm durch die Anlage. Dabei entdeckten wir viele besondere Ecken, die man bei einem normalen Rundgang leicht übersehen würde. Es war eine Zeitreise durch die Geschichte von Europe 1, vom Bau bis zur Stilllegung. Ein Sender mit besonderer Geschichte Europe 1 wurde während der französischen Verwaltung des Saarlandes gegründet. Der Sender entstand, um das damalige Verbot des kommerziellen Rundfunks in Frankreich zu umgehen. Rund um Frankreich entstanden die sogenannten „radios périphériques“, in kleinen Ländern wie Monaco, Andorra und Luxemburg oder, wie bei Europe 1, im teilautonomen Saarland. Das französischsprachige Programm erreichte über zehn Millionen Hörer, weit über die Grenzen Frankreichs hinaus. Die Studios lagen von Anfang an in Paris. Das Signal lief über zwei voneinander unabhängige Zuspielleitungen ins Saarland. In Berus gab es nur ein Notstudio mit einem Sprecherplatz, zwei Bandmaschinen und zwei Plattenspielern. Rundfunk wurde dort nie „gemacht“, sondern ausschließlich ausgestrahlt. Die Sendehalle: Architektur als Weltklasse Die Sendehalle entstand nur rund 700 Meter von der französischen Grenze entfernt. Die Architekten Jean-François Guédy und Bernard Lafaille entwarfen sie in Form einer Jakobsmuschel. Sie war der weltweit erste Großbau mit einem aus Beton gegossenen Dach (86 × 46 m, bis zu 16 m hoch). Die Betondecke ist dabei nur 4 bis 7 Zentimeter dick und wird von Stahlseilen so unter Spannung gehalten, dass sie wie ein Zelt „steht“. Während der ersten Bauphase verformte sich der oberste Ringanker unter der Last, und es entstanden Risse. Der Ingenieur Eugène Freyssinet überarbeitete die Konstruktion von Grund auf und rettete den Bau. Er wurde 1955 vollendet. Die Halle bietet rund 2700 m² Bodenfläche. Seit 1999 steht die gesamte Anlage unter Denkmalschutz, und am 24. September 2021 wurde die Halle in die Reihe der historischen Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland aufgenommen. Technik der Superlative Der Langwellensender nahm am 1. Januar 1955 den Betrieb auf, zunächst mit 2 × 200 kW. Die Sender stammten von der Compagnie Française Thomson-Houston. 1964 stieg die Leistung auf 700 kW. 1976 kamen neue Sender mit Keramikröhren hinzu, die 2000 kW (2 MW) lieferten. Damit war Europe 1 zeitweise der leistungsstärkste Langwellensender der Welt. Der Sender war sogar für 3000 kW ausgelegt. Einige Zahlen zeigen die Dimensionen: - *Frequenz:* Nach mehreren Ausweichversuchen in den Anfangsjahren sendete Europe 1 zuletzt auf 183 kHz. - *Abwärme:* Sie wurde über Wärmetauscher genutzt, um den gesamten Gebäudekomplex zu beheizen. - *Stromversorgung:* Sie erfolgte aus zwei unabhängigen Einspeisungen (2 × 35 kV) von unterschiedlichen Kraftwerken. Der jährliche Verbrauch lag bei rund 15 Millionen kWh. - *Antennen:* Zuletzt bildeten vier Masten mit einer Höhe von rund 270 bis 282 Metern eine Richtantenne mit der Hauptstrahlrichtung Südwest, also nach Frankreich. Zwei weitere Masten dienten als Reserveantenne. - *Erdungssystem:* Das elektrische Gegengewicht bestand aus Kupferdraht mit einer Gesamtlänge von rund 290 km. Bemerkenswert ist auch die Redundanz. In allen Bereichen war die Anlage so ausgelegt, dass Ausfälle möglichst kurz blieben. Die Toleranz lag bei nur rund 10 Sekunden Sendeunterbrechung. Das Ende des Sendebetriebs Am 31. Dezember 2019 um 23:28 Uhr endete nach 65 Jahren der Sendebetrieb. Es war der letzte der einst fünf Langwellen-Rundfunksender in Deutschland. Hohe Energiekosten und geringe Wirtschaftlichkeit dürften eine Rolle gespielt haben. Die Sendemasten wurden im Oktober 2020 gesprengt und verschrottet. Das Programm von Europe 1 ist weiterhin über UKW und per Livestream zu hören. Glücklicherweise blieb die sendetechnische Ausstattung der Halle erhalten, und genau diese konnten wir bei der Führung bestaunen. Seit dem 1. August 2016 gehören die Halle und 23 Hektar Areal der Gemeinde Überherrn. Weiterführende Eindrücke Wer sich einen Eindruck von der Atmosphäre vor Ort verschaffen möchte, findet ihn in diesem YouTube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=SnhjFJJyxWE. Die Bilder vermitteln gut, wie imposant die Dimensionen der Anlage sind. Einen fundierten Einblick in Geschichte und Technik gibt außerdem der Artikel von Eugen Düpre, DK8VR, in der CQ DL 11/2022 („Die Kathedrale der Wellen: Das Sendezentrum Europe 1“). Er ist hier als PDF verfügbar: https://www.darc.de/fileadmin/filemounts/distrikte/q/Meldungen/Europe_1_CQDL_2022-11_S52ff_DK8VR.PDF Das Diplom Europe 1 Funkamateure können sich außerdem das „Diplom Langwellensender Europe 1 Denkmal“ erarbeiten. Dafür sind 50 Punkte nötig, auf allen Bändern und in allen Betriebsarten. Punkte gibt es zum Beispiel für QSOs mit Mitgliedern des OV Q16, mit dem Sonder-DOK DVQ oder mit DF0AP. QSOs aus dem Distrikt Q (Z19) zählen ebenfalls, in CW und ab 70 cm aufwärts sogar mit 10 Punkten. Gewertet werden QSOs ab 2016, dem Jahr, in dem die Anlage an die Gemeinde ging. Das Diplom wird über das DCL-Portal beantragt. Alle Details stehen hier: https://www.darc.de/der-club/distrikte/q/ortsverbaende/16/diplom-europe-1/ Mein Fazit und ein Wunsch Der Besuch hat mich beeindruckt. Die Verbindung aus mutiger Architektur, Ingenieurskunst und Rundfunkgeschichte macht die Sendehalle in Berus zu einem wirklich einmaligen Denkmal. Mein Dank gilt Eugen, DK8VR, für die engagierte und kenntnisreiche Führung, und allen, die diesen Tag organisiert haben. Ich hoffe sehr, dass dieses historische Gebäude auch weiterhin der Öffentlichkeit erhalten bleibt, für tolle und verbindende Veranstaltungen, bei denen Funkamateure, Technikbegeisterte und Geschichtsinteressierte zusammenkommen. Orte wie dieser zeigen, wie viel Faszination in Technik und Rundfunkgeschichte steckt, und sie sollten auch künftigen Generationen offenstehen. 73 und bis zum nächsten Mal! Klaus, DL5RFK ______________________________________________
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