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[A-DX] Artikel: "Neujahr dauert etwas länger" in Berliner Morgenpost


  • Subject: [A-DX] Artikel: "Neujahr dauert etwas länger" in Berliner Morgenpost
  • From: Arnulf Piontek <dx@xxxxxxxxxxx>
  • Date: Tue, 01 Nov 2005 08:00:35 +0100

Guten Morgen in die Runde!

Nachfolgenden interessanten Artikel habe ich aus dem "Ressort Wissen" der Zeitung "Berliner Morgenpost" vom Freitag, 28 Oktober 2005. Nachzulesen auch unter

http://morgenpost.berlin1.de/content/2005/10/28/wissenschaft/788509.html

Viele Aha-Erlebnisse wünscht allen

OM Arnulf Piontek
Berlin

dx @ surfnett.de


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Neujahr dauert etwas länger

Eine Schaltsekunde wird eingefügt - vielleicht zum allerletzten Mal für die nächsten Jahrhunderte

Weil sich die Erde immer langsamer dreht, gehen die Uhren mit der Zeit vor - das muß alle paar Jahre korrigiert werden.

Von Axel Bojanowski

Washington - Die Silvesternacht ist dieses Mal ein bißchen länger als sonst: Um 0 Uhr 59 und 59 Sekunden Mitteleuropäischer Zeit dauert es nicht eine, sondern zwei Sekunden, bis es ein Uhr ist. Denn die Internationale Telekommunikationsunion (ITU) hat beschlossen, in die geltende Weltzeit eine Schaltsekunde einzufügen. Die zusätzliche Sekunde erscheint notwendig, weil sich die Erde kontinuierlich langsamer dreht - die Anziehungskraft des Mondes bremst die Rotation. Deshalb fällt die astronomische Zeit gegenüber der Zeit der Atomuhren zurück, alle paar Jahre um eine Sekunde.

Experten fordern nun allerdings, diese Abweichung in Kauf zu nehmen und die Schaltsekunde abzuschaffen. Elektronische Geräte würden die Zeitumstellung nicht bewältigen, befürchten sie.

Streit um die Zeitrechnung hat Tradition. Doch früher ging es um die Einteilung in Monate und Stunden, nicht um Sekunden. Den groben Zeitrahmen gibt die Natur vor: Der Umlauf der Erde um die Sonne dauert ein Jahr, eine Erddrehung mißt einen Tag. Die weiteren Einheiten wie Stunden, Minuten und Sekunden ergaben sich aus traditionellen und mathematischen Gründen. So erwies sich die Einteilung des Tages in 24 Stunden je 60 Minuten als praktisch. Demnach zerfällt der Tag in 84 000 Sekunden. Atomuhren lassen weitaus präzisere Messungen zu, sie zerlegen jede Sekunde in mehr als neun Milliarden Teile.

Seit 1967 lebt der Mensch im Takt der Cäsiumatome. Die seither geltende "Koordinierte Weltzeit" (UTC) basiert auf etwa 200 Atomuhren. Deren exakte Zeitmessung offenbarte, daß sich die astronomischen Rahmenbedingungen langsam verändern: Die Erde verlangsamt ihre Drehung - die Tage werden länger. Deshalb fügte die ITU seit 1972 mittlerweile 22 Schaltsekunden in die Weltzeit ein, etwa alle anderthalb Jahre war die Anpassung erforderlich.

In den letzten sieben Jahren jedoch hat es keine Schaltsekunde gegeben. Die Erde drehte sich in dieser Zeit mit gleichmäßiger Geschwindigkeit. Vermutlich haben Massenverlagerungen im Erdinneren den Heimatplaneten beschleunigt und die Bremswirkung des Mondes kompensiert, meint Dave Rubincam vom Goddard Space Flight Center der Nasa bei Washington. Auch das schwere Tsunami-Erdbeben Ende 2004 in Südasien verpaßte der Erde einen zusätzlichen Drall - es verkürzte die Tageslänge aber lediglich um acht Millionstel Sekunden.

Der Internationale Erdrotationsdienst (IERS) sammelt die Tageslängendaten. Droht die astronomische Zeit um mehr als 0,9 Sekunden hinter die Atomzeit zurückzufallen, wird die ITU benachrichtigt, die dann entscheidet, ob am 1. Juli oder am 1. Januar eine Schaltsekunde eingefügt wird.

Doch damit soll nun Schluß sein. Die Delegation der USA wird nun die Abschaffung der Schaltsekunde fordern. Die Amerikaner möchten lieber Schaltstunden einführen, wenn die Abweichung entsprechend angewachsen ist. Das wäre dann jedoch erst in einigen hundert Jahren der Fall.

Die US-Arbeitsgruppe macht geltend, daß die Zeitumstellung Computer durcheinander bringen kann. Sie fürchten eine Art Datenschluckauf, schließlich müssen vernetzte Rechner auf Mikrosekunden im Gleichtakt arbeiten. Mehrfach soll es solche Probleme gegeben haben. So berichtete die "Washington Post", daß am 1. Januar 1996 aufgrund eines Computerfehlers die falschen Radio-Programme gesendet wurden. Am 1. Juli 1997 soll sogar das russische Navigationssatellitensystem aufgrund der Schaltsekunde ausgefallen sein, was allerdings angezweifelt wird.

Das US-Satelliten-Navigationssystem GPS berücksichtigt jedoch gar keine Schaltsekunden. Das scheint auch ein Grund für den Antrag der USA zu sein, die Zeitumstellung abzuschaffen. Denn ab Januar 2006 hinkt das GPS bereits 14 Sekunden hinter der Weltzeit hinterher - und damit hinter der von Flugzeugen und anderen Verkehrsmitteln verwendeten Zeit. Experten aus anderen Ländern weisen die Befürchtungen auch zurück: "Schlampig programmierte Software ist das Problem, nicht die Schaltsekunde", sagt Andreas Bauch von der TU Braunschweig. Gleiches gelte für andere Computer. In den 34 Jahren, in denen es die Schaltsekunde gibt, hätten sich die Programmierungen anpassen können.

Die Abschaffung der Schaltsekunde würde ihrerseits für Komplikationen sorgen. Astronomische Instrumente wie Teleskope und Satelliten sind auf die Anpassung der Zeit angewiesen, damit sie Sterne exakt anpeilen können - nur die Zeitanpassung garantiert, daß Himmelskörper immer zur gleichen Zeit am selben Ort zu finden sind. Es gibt auch kulturelle Kritik: Mit der Abschaffung der Schaltsekunde würde die Menschheit sich nach mehr als 5000 Jahren von der erdgebundenen Zeit lösen, betont Bauch. Die Konsequenzen müßten unsere Nachfahren tragen. Sie wären dazu gezwungen, die Zeit umzustellen, um nicht irgendwann im Dunkeln Mittag essen zu müssen.

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